Oberbürgermeister Mike Josef
Verehrte Damen und Herren,
dieses Jubiläum ist weit mehr als ein festlicher Anlass. Es ist ein Moment des Innehaltens und des Dankes. Denn was die Frankfurter Tafel seit über drei Jahrzehnten leistet, ist alles andere als selbstverständlich. Es ist Ausdruck von Mitmenschlichkeit, Verantwortung und gelebter Solidarität in unserer Stadt.
Wie lebendig und zugleich professionell diese Arbeit heute ist, konnte ich im vergangenen Jahr selbst erleben: Im Juli war ich zu Gast bei der Frankfurter Tafel und habe mir das Verteilerzentrum in Fechenheim angeschaut. Was hier geschaffen wurde, ist beeindruckend – und ein wichtiger Schritt hin zu noch mehr Professionalität im Umgang mit den gespendeten Lebensmitteln.
Dieser Blick in die Gegenwart macht zugleich deutlich, wie besonders die Entwicklung der Frankfurter Tafel ist. Gegründet wurde sie 1995 – als eine der ersten Tafeln in Deutschland. Die Idee war ebenso einfach wie kraftvoll: überschüssige, einwandfreie Lebensmittel zu retten und sie an Menschen weiterzugeben, die Unterstützung benötigen.
Es war Hella Schmieder, die den Impuls gab, etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und die Not bedürftiger Menschen in Frankfurt zu unternehmen. Sie motivierte weitere engagierte Bürgerinnen und Bürger und legte damit den Grundstein für einen Verein, der heute aus dem sozialen Leben unserer Stadt nicht mehr wegzudenken ist.
Eine solche Entwicklung ist damals wie heute untrennbar mit den Menschen verbunden, die die Tafel geprägt und getragen haben. Im Vorstandsteam wird mit großem Engagement daran gearbeitet, dass die Frankfurter Tafel nicht nur funktioniert, sondern lebt.
Stellvertretend möchte ich heute insbesondere Herrn Rainer Häusler und Frau Birgit Pangritz meinen herzlichen Dank aussprechen. Beide übernehmen seit dem Jahr 2000 mit Weitsicht, Verlässlichkeit und persönlichem Einsatz Verantwortung.
Doch es gibt noch viele andere Ehrenamtliche, die sich für die Frankfurter Tafel engagieren. Bis zu 230 Freiwillige holen Lebensmittel ab, sortieren, organisieren und verteilen. Sie schenken Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit – und vor allem Menschlichkeit. Wie stark diese Gemeinschaft ist, konnte ich selbst beim Sommerfest im August vergangenen Jahres erleben. Es war ein wunderbarer Abend, getragen von Zusammenhalt, Engagement und Lebensfreude – nicht zuletzt dank der Tafelband, die für die passende musikalische Begleitung sorgte. Für all das gilt Ihnen mein tief empfundener Dank.
Gerade dieses Miteinander macht die Frankfurter Tafel zu etwas Besonderem. Denn auch die Ausgabestellen sind längst mehr als Orte der reinen Lebensmittelverteilung. Sie sind Orte der Begegnung – Orte, an denen Menschen einander zuhören, einander wahrnehmen und einander unterstützen. Für viele bedeuten sie ein Stück Alltagssicherheit – und vor allem ein Stück Würde.
Wie wichtig diese Orte sind, zeigt sich gerade in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten und wachsender Unsicherheit. Immer mehr Menschen sind auf Unterstützung angewiesen – auch hier in Frankfurt. So wertvoll die Arbeit der Tafel ist, so deutlich führt sie uns zugleich vor Augen, wo wir als Gesellschaft gefordert sind. Dass in einer wohlhabenden Stadt wie Frankfurt rund 30.000 Menschen auf diese Hilfe angewiesen sind, darf uns nicht gleichgültig lassen.
Denn die Frankfurter Tafel hilft – aber sie mahnt auch. Sie erinnert uns daran, dass soziale Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder neu erarbeitet werden muss. Umso wichtiger ist es, dass es Orte wie die Tafel gibt: Orte, an denen Verantwortung füreinander übernommen wird, und Orte, an denen Zusammenhalt nicht nur ein Wort ist, sondern täglich gelebt wird.
Meine Damen und Herren, eine Stadt definiert sich nicht nur durch ihre Skyline. Sie definiert sich durch den Umgang ihrer Menschen miteinander. Die Frankfurter Tafel ist ein leuchtendes Beispiel für das, was Frankfurt im Innersten ausmacht: Solidarität, Zusammenhalt und Menschlichkeit.
Im Namen der Stadt Frankfurt danke ich Ihnen allen von Herzen – dem Vorstand, den Unterstützerinnen und Unterstützern und ganz besonders den vielen Ehrenamtlichen.
Ich wünsche der Frankfurter Tafel weiterhin Kraft, Engagement und die Anerkennung, die sie verdient. Und ich wünsche uns allen, dass wir diesen Geist der Solidarität bewahren und weitertragen.
(es gilt das gesprochene Wort)
Tafel-Vorsitzender Rainer Häusler
Liebe Freunde der Frankfurter Tafel,
wir sind heute hier den 30. Geburtstag unserer Frankfurter Tafel zu feiern. Ein Geburtstagskind bekommt ja traditionell die Geschenke. Wir machen das diesmal gerne ganz anders. Heute steht im Mittelpunkt, was die Frankfurter Tafel überhaupt lebensfähig macht. Das sind die Menschen, die jeder auf seine Art und in seiner Zeit, möglich gemacht haben oder das teilweise noch heute tun, was dazu nötig ist. 30 Jahre ehrenamtliche Arbeit der Frankfurter Tafel, ein guter Grund um die umfangreiche Arbeit in Frankfurt mit Frankfurtern für Frankfurter die Hilfe benötigen ein wenig näher zu betrachten. Meine Aufgabe ist das so kurz wie möglich zu tun. Die mich kennen, wissen – besonders wenn es um die Tafel geht – fällt mir das richtig schwer.
Das ein oder andere haben Sie ja schon von unserem Gast Ministerin Heike Hofmann und unserem Oberbürgermeister und Gastgeber des heutigen abends Mike Josef erfahren. Ich versuche nun die Tafelentwicklung in Episoden der Entwicklung aufzuteilen und damit einfacher und kompakter darzustellen.
1. Die Gründerjahre
Jetzt sieht man gleich, wohin das nach langen 30 Jahren führen kann, wenn eine engagierte Person, mit langer Lebenserfahrung, ein Problem erkennt und dann auch noch helfen will. Ich spreche von Hella Schmieder die 1919 geboren und im Alter von 75 Jahren die Tafelidee kennenlernt und fasziniert von der Idee spontan entscheidet: Das braucht Frankfurt! Die Tafelidee ist einfach: Nimm Lebensmittel, die andere Menschen nicht benötigen, die also einfach übrig sind und deshalb sonst zum Abfall werden und bringe sie zu denen, die zu wenig zum Essen haben. Die Essenz daraus findet sich bis heute im Wahlspruch unserer Tafel: „Wir bringen Essen,wo’s hingehört“. Am Anfang war für Frau Schmider erstmal das Problem: Niemand wusste von Ihrer „Essenshilfe“ mit belegten Brötchen. Doch es sprach sich langsam in Frankfurt herum. Jetzt gab es plötzlich Nachfrage, die zu bewältigen war. Das bedeutete aber gleich auch Wachstum. Ein erster treuer Helfer, dessen Arbeitszeit man heute mit 24/7 bezeichnen würde, war Dieter Freitag. Er wurde eine wichtige Stütze bei den täglichen Lebensmitteltouren. Der Hol,- und Bringservice für die ersten Frankfurter Bedürftigen war erfunden. Er erleichterte aber auch die Arbeit der Menschen, die vom ersten Tag an, dann auch im Vorstand die Arbeit unterstützten. Das waren dann ein paar Monate später nach der Vereinsgründung am 6.3.1995 im gleichen Jahr die Damen Edith Kleber als 2. Vorsitzende und zusätzliche treibende Kraft und Birgit Pangritz als Beisitzerin die im Tagesgeschäft wichtige Arbeit leisteten. 1. Vorstand ist Rainer Häusler. Einige davon sind noch heute in der Tafel aktiv. Ein halbes Jahr später gründeten die deutschen Tafeln einen eigenen Dachverband, der heute unter dem Namen Tafel Deutschland geführt wird. Frau Schmieder hat sich aus dem aktiven Geschäft nach und nach zurückgezogen. Sie verstarb am 19. September 2003 im Alter von 83 Jahren.
2. Die Technisierung
Das erste Fahrzeug zum Transportieren der Lebensmittel war ein ausrangierter VW Bus überlassen vom Hessischen Rundfunk. Nach der ersten professionellen Werbeaktion, die übrigens von unserem heutigen Ehrenamtsbotschafter Ludwig Hoos eingefädelt war, hat Maggi nicht nur einige Tausend Suppen gespendet, sondern auch gleich noch genügend Geld, um den ersten eigenen (sehr kleinen) Bus zu kaufen. Der ist heute noch im Betrieb in einem tollen neuen Geburtstagskleid als Werbeträger. Vielleicht haben Sie ihn auch heute schon gesehen. In den kommenden Jahren wurden inzwischen insgesamt zwölf Frischdienstfahrzeuge und sogar einen Tiefkühltransporter mit 7,5 Tonnen in Betrieb genommen. Aktuell ist dieser Bereich schon mit einer professionellen Spedition vergleichbar. Der Personalbestand für diesen Logistikteil ist mit 37 Fahrern von denen übrigens 27 ehrenamtliche Helfer sind, sieben Tage in der Woche im Einsatz.
3. Die Jahre der Ausgabestellen
Der Motor dieser rasanten Entwicklung in der Logistik war eigentlich ausgelöst durch Frau Kleber. Sie entdeckte den Bedarf für eine Ausgabestelle im Bahnhofsviertel. Dieter Freitag half Ihr nach Kräften bei der Umsetzung. Das war der Anfang, der sehr schnell mit der zweiten Ausgabe im Gallusviertel, dem Bereich von Frau Pangritz, Gesellschaft bekam. „Wir brauchen noch eine Ausgabenstelle“, wurde zu Ihrem Lieblingssatz. Sie hat in diesem Zusammenhang auch den später populären Spruch „Wir schaffen das“ zu Ihrer Verteidigung eingesetzt. Widerstand wurde damit im Vorstand einfach weggewischt. Sie behielt Recht, heute haben wir zwölf Ausgabestellen an vielen Schwerpunkten in der Stadt.
4. Die Jahre der Herausforderungen
Unsere gerade erwähnte erste Ausgabestelle im Bahnhofsviertel zeigt in Ihrer über 25-jährigen Geschichte die Vielzahl möglicher Herausforderungen, aber auch die manchmal unerwarteten Lösungen. Der häufigste GAU, der eine Ausgabestelle treffen kann: Der Standort fällt plötzlich weg. Wir zahlen ja schließlich am liebsten keine Miete… und meistens eilt das dann auch noch. Dann werden Ideen gefragt. Genau das ist passiert. Und da erleben wir, wie so oft wieder wie gut wir gerade in solchen Fällen bei unseren Frankfurtern auch spontan Unterstützer finden. Es ergab sich die, in unserer Geschichte wohl ungewöhnlichste Lösung. Der Inhaber des stadtbekannten Lokals Django bot uns spontan seine Hilfe an. Wir durften nun sein Lokal jeden Freitag jahrelang tagsüber benutzen. Und er räumte auch noch nach uns auf. Wir hatten ja Gott sei Dank eine im Bahnhofsviertel nicht so verbreitete abweichende Öffnungszeit in unsrer Ausgabe. Leider war die schöne Zeit unerwartet vor wenigen Monaten zu Ende. Herr Hartmann der Herr „Django“ ging in seinen verdienten Ruhestand und gab sein Lokal auf.
Sozusagen über Nacht musste eine Lösung gefunden werden. Die kam… Die Matthäusgemeinde um die Ecke stellte uns spontan schöne große Räume zur Verfügung. Jetzt mussten wir schnellstmöglich auch die Hygiene in der Ausgabe sicherstellen. Das bedeutete natürlich auch Peter Metz, unser Schatzmeister war gefragt. Das gefiel ihm wie so oft erstmal gar nicht. Doch die Aufregung war umsonst, es kam kurzfristig unerwartete Hilfe. Im Rahmen eines genau zu diesem Zeitpunkt geplanten Hilfsobjekt für das Bahnhofsviertel auch in Frankfurt half uns das Hessische Ministerium für Soziales bei der Finanzierung. Zu unserer Freude sind Frau Ministerin Heike Hofmann und Mitarbeiter unserer Einladung für heute gefolgt.
Aber auch für die Hilfsbereitschaft und den damit sichtbaren Zusammenhalt unserer Frankfurter Bürger haben wir bei anderen Gelegenheiten schon immer gute Erfahrungen gemacht. Ganz besonderes Engagement erlebten wir zum Beispiel in der Pandemie. Um unseren älteren Helfer nicht zu gefährden haben Fanorganisationen der Eintracht Ausgabenarbeiten übernommen. Bei dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs konnten wir mit dem Arbeitersamariter-Bund sozusagen über Nacht eine zusätzliche Ausgabe öffnen. Später konnte organisatorisch die Verteilung auf vorhandene Ausgaben verlegt werden.
Leider haben uns auch Missgunst und Neid meist gekoppelt mit Falschbehauptungen belastet. Doch hier geben uns die vielen Menschen in Frankfurt und Umgebung, die uns trotzdem weiter Ihr Vertrauen zeigen, neuen Mut und die erforderliche zusätzliche Kraft. Auch eine faire Berichterstattung in den seriösen Medien ist eine für uns wichtige Rückenstärkung. Auch Sie kennen und schätzen unsere umfangreiche Arbeit und die Ergebnisse seit Jahrzehnten und zeigen uns deshalb gerne ihr Vertrauen. Die Basis für dieses Grundvertrauen erarbeiten wir uns Jahr für Jahr. Denn über allem steht bei uns die grundlegende Tafel Idee. Wir retten Lebensmittel nicht einfach für uns, sondern um Bedürftige zu unterstützen. Das heißt bei uns im Alltag: Wir bringen`s Essen, wo es hingehört“ 1. Jedes Jahr ist: das Jahr für die Frankfurter Bedürftigen. 2. Jedes Jahr zeigt uns wieder: Alles geht nur mit einem starken Ehrenamt. Auch in Zukunft schaffen wir das nur mit den weiter so zahlreichen und starken Säulen. Nämlich mit Ihrer Hilfe und das heißt: a) mit Unterstützung von Menschen und Institutionen der Region b) einem noch stärkeren Ehrenamt unterstützt von loyalen hauptamtlichen Kräften für die täglich neuen Aufgaben. Und zum Abschluss meine Bitte: Nehmen Sie noch mehr Begeisterung für die Tafelarbeit mit nach Haus und bleiben Sie uns bitte die nächsten 30 Jahre gewogen.
